Warum musste ich neunzig werden, um das zu hören?
Vor einigen Jahren kam nach einer Predigt eine Frau auf mich zu.
Sie war über neunzig Jahre alt.
Sie nahm meine Hand, schaute mich an und sagte:
„Danke, Reto. Du hast mich heute befreit.“
Dann schwieg sie einen Moment.
Und fügte hinzu:
„Warum musste ich neunzig werden, um das zu hören?“
Dieser Satz begleitet mich bis heute.
Vielleicht gerade deshalb, weil ich nicht mehr genau weiss, was ich damals gesagt habe.
Es war vermutlich keine aussergewöhnliche Predigt.
Kein besonders kluger Gedanke.
Keine neue Wahrheit.
Vielleicht waren es einfach Worte, die in diesem Moment etwas berührten, das schon lange in dieser Frau gelebt hatte.
Etwas, das darauf gewartet hatte, gehört zu werden.
Etwas, das sie vielleicht längst geahnt, aber nie zu glauben gewagt hatte.
Ich habe diese Frau nicht befreit
Das kann ich nicht.
Kein Coach kann einen Menschen befreien.
Kein Pfarrer.
Keine Trainerin.
Kein noch so gutes Seminar.
Wir können einem Menschen seine Freiheit nicht geben.
Aber manchmal können wir Worte finden für etwas, das tief in ihm längst wahr ist.
Wir können einen Raum öffnen.
Wir können zuhören.
Wir können Fragen stellen.
Wir können einem Menschen so begegnen, dass er für einen Moment aufhört, sich durch die Augen der anderen zu betrachten.
Und vielleicht entdeckt er dabei etwas wieder, das unter all den Erwartungen, Rollen und Erfahrungen verschüttet wurde:
Du darfst sein, wer Du bist.
Nicht erst irgendwann.
Nicht erst, wenn Du alles verstanden hast.
Nicht erst, wenn Du alle Erwartungen erfüllst, Deine Zweifel überwunden und Deine Fehler korrigiert hast.
Jetzt.
Du musst Dich nicht erst beweisen, um geliebt zu sein.
Du musst nicht werden, was andere in Dir sehen wollen.
Du musst nicht die Noten anderer spielen.
Du bist kein Fehler, der behoben werden muss.
Du bist ein Mensch mit einer Geschichte.
Mit Wunden und Wundern.
Mit Sehnsucht, Begabung und einer ganz eigenen Spur.
Dein Leben hat Bedeutung.
Was hatte sie neunzig Jahre lang gehört?
Diese Frage lässt mich nicht los.
Was hatte diese Frau während ihres langen Lebens über sich gehört?
Was hatte man ihr über Gott erzählt?
Welche Vorstellungen hatte sie getragen?
Welche Erwartungen erfüllt?
Wie oft hatte sie sich angepasst, zurückgenommen oder zusammengerissen?
Wie oft hatte sie geglaubt, nicht zu genügen?
Ich weiss es nicht.
Ich kenne ihre Geschichte nicht.
Vielleicht hatte sie ein freies und erfülltes Leben gelebt. Vielleicht hatte dieser eine Satz nur etwas bestätigt, das schon lange in ihr lebte.
Vielleicht aber hatte sie neunzig Jahre lang versucht, richtig zu sein.
Eine gute Tochter.
Eine gute Ehefrau.
Eine gute Mutter.
Eine gute Christin.
Ein guter Mensch.
Vielleicht hatte sie gelernt, dass ihre eigenen Fragen gefährlich sind.
Dass Zweifel keinen Platz haben.
Dass Anpassung etwas mit Glauben zu tun hat.
Dass Gott vor allem darauf wartet, ob sie alles richtig macht.
Und vielleicht hörte sie an diesem Tag zum ersten Mal nicht, was sie noch tun, glauben oder werden sollte.
Vielleicht hörte sie:
Du bist gesehen.
Du bist gewollt.
Du bist geliebt.
Du darfst frei sein.
Ich weiss nicht, welche Worte es waren.
Aber ich habe ihren Blick nicht vergessen.
Und ich habe ihre Frage nicht vergessen:
Warum musste ich neunzig werden, um das zu hören?
Zur Freiheit befreit
Im Galaterbrief steht ein Satz, der mich seit Jahren begleitet:
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“
Nicht zur Angst.
Nicht zur Enge.
Nicht dazu, unser Leben lang zu versuchen, uns Gottes Liebe zu verdienen.
Zur Freiheit.
Für mich ist das eine der schönsten und zugleich herausforderndsten Aussagen des christlichen Glaubens.
Denn Freiheit bedeutet nicht, dass alles beliebig wird.
Sie bedeutet auch nicht, dass es nur noch um mich geht.
Freiheit bedeutet, dass ich immer mehr der Mensch werden darf, als der ich gedacht bin.
Dass ich mich nicht länger hinter Rollen, Erwartungen und frommen Antworten verstecken muss.
Dass ich mich von Gott ansehen lassen darf – und in diesem Blick nicht kleiner, sondern ganzer werde.
Der Psalmist beschreibt dieses Staunen mit den Worten:
Ich bin wunderbar gemacht.
Vielleicht beginnt Freiheit genau dort.
Nicht bei der Frage:
Was muss ich aus mir machen?
Sondern bei der Entdeckung:
Da ist längst etwas in mir, das gesehen werden möchte.
Etwas Einzigartiges.
Eine Stimme.
Eine Sehnsucht.
Eine Begabung.
Eine Geschichte.
Eine Art, diese Welt zu lieben, die nur durch mich sichtbar werden kann.
Ich glaube, Gott begegnet uns nicht, um unsere Originalität auszulöschen.
Er ruft sie hervor.
Die Wahrheit über Dich
Jesus sagt:
„Die Wahrheit wird euch befreien.“
Vielleicht haben wir Wahrheit manchmal zu sehr als ein System richtiger Antworten verstanden.
Als etwas, das man wissen, verteidigen und anderen erklären muss.
Aber die Wahrheit, von der Jesus spricht, lässt sich nicht von seiner Person und seiner Art, Menschen zu begegnen, trennen.
Jesus begegnet Menschen so, dass sie sich nicht länger verstecken müssen.
Er sieht den Menschen hinter seinem Ruf.
Die Sehnsucht hinter seinem Verhalten.
Den Schatz hinter seiner Geschichte.
Er hält ihnen nicht zuerst vor Augen, was alles nicht stimmt.
Er ruft sie ins Leben.
Vielleicht ist die befreiende Wahrheit deshalb nicht nur ein richtiger Satz über Gott.
Vielleicht ist sie auch die tiefe Erfahrung:
Gott kennt mich wirklich – und wendet sich nicht von mir ab.
Ich bin gesehen.
Nicht nur in dem, was gelungen ist.
Auch in meinen Umwegen.
Meinen Brüchen.
Meiner Unsicherheit.
Meiner Sehnsucht.
Ich muss Gott nichts vorspielen.
Und vielleicht muss ich es dann auch den Menschen immer weniger vorspielen.
Freiheit endet nicht bei Dir
Doch Freiheit ist mehr als persönliche Erleichterung.
Sie endet nicht bei mir.
Wenn ich nicht mehr ständig beweisen muss, dass ich wertvoll bin, kann ich aufhören, andere kleinzumachen.
Wenn ich meine eigene Stimme finde, muss ich die Stimmen anderer nicht zum Schweigen bringen.
Wenn ich meine Grenzen annehmen kann, muss ich nicht mehr so tun, als hätte ich alles im Griff.
Wenn ich weiss, dass ich geliebt bin, kann ich lieben, ohne mich selbst zu verlieren.
Freiheit verändert, wie wir einander begegnen.
Sie verändert Beziehungen.
Teams.
Familien.
Kirchen.
Organisationen.
Vielleicht sogar unsere Gesellschaft.
Denn Kultur entsteht dort, wo Menschen miteinander leben und entscheiden, was Raum bekommt.
Angst oder Vertrauen.
Anpassung oder Originalität.
Kontrolle oder Verantwortung.
Funktionieren oder Menschsein.
Darum wünsche ich mir nicht nur freie Menschen.
Ich wünsche mir Orte, an denen Menschen frei werden und ihre Freiheit füreinander einsetzen.
Eine Kultur solidarischer Individualität.
Eine Welt, in der Menschen ganz sie selbst werden dürfen – und in der es nicht bei ihnen endet.
Niemand sollte neunzig werden müssen um das zu hören
Die Begegnung mit dieser Frau ist zu einem inneren Auftrag für mich geworden.
Nicht, weil ich glaube, Menschen befreien zu können.
Und auch nicht, weil ich inzwischen alle Antworten hätte.
Im Gegenteil.
Je länger ich unterwegs bin, desto weniger interessieren mich die schnellen Antworten.
Mich interessieren die Menschen.
Ihre Geschichten.
Ihre Fragen.
Ihre Sehnsucht.
Das, was in ihnen schlummert und vielleicht schon lange darauf wartet, gesehen zu werden.
Ich möchte Räume eröffnen, in denen Menschen aufatmen können.
Räume, in denen sie nicht zuerst eine Funktion erfüllen müssen.
Räume, in denen ehrliche Fragen erlaubt sind.
Räume, in denen wir einander nicht sagen, wer wir zu sein haben, sondern gemeinsam entdecken, was durch uns Gestalt annehmen möchte.
Manchmal geschieht das in einem Gespräch.
Manchmal in einem Workshop.
Manchmal bei einem Kaffee.
Manchmal durch einen Gedanken, über den jemand zufällig stolpert.
Und manchmal geschieht es nach einer Predigt, wenn eine über neunzigjährige Frau Deine Hand nimmt und einen Satz sagt, der Dich nie mehr loslässt.
„Warum musste ich neunzig werden, um das zu hören?“
Ich wünsche mir, dass niemand neunzig werden muss, um zu hören:
Du darfst sein, wer Du bist.
Du bist wunderbar gemacht.
Deine Sehnsucht ist nicht bedeutungslos.
Deine Stimme zählt.
Dein Leben hat Bedeutung.
Du musst Dich nicht erst beweisen.
Und es ist nicht zu spät, Deiner eigenen Spur zu folgen.
Vielleicht musstest Du genau das heute hören.
Dann hat sich diese Geschichte schon gelohnt.
